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April 28, 2020

Führt Corona zu einem Wertewandel in der Wirtschaft? – Was Unternehmen aus der Krise lernen können

Hamburg, 28. April 2020 – Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Unternehmen sind im Moment noch unabsehbar. Vielfach wird eine Rezession vorhergesagt. Doch könnte die Krise auch eine Chance zum Umdenken bieten? Bedarf es womöglich einer Restrukturierung der Wirtschaft? Welche Werte in Zukunft noch wichtiger werden und welche neue Rolle Unternehmen einnehmen könnten, erklärt Prof. Dr. Hendrik Müller, Wirtschaftsethiker an der Hochschule Fresenius in Hamburg, in einer neuen Folge unseres Wissenschafts-Podcasts.

Rücksicht, Solidarität, Vertrauen, Transparenz – das sind nur einige wenige Werte, die in unserer Gesellschaft von Bedeutung sind. Werte, die während der Corona-Krise stärker in den Fokus gerückt sind. In der Wirtschaft allerdings stehen sie eigentlich im Gegensatz zu den Wesensmerkmalen des Wettbewerbs: So ist Rücksichtnahme auf die Konkurrenz in der Regel hinderlich für den unternehmerischen Erfolg. Aufgabe der Wirtschaftsethik ist es, diese beiden Welten zusammenzubringen. “In der Krise ist deutlich geworden, dass wir ohne Werte nicht auskommen”, sagt Müller. “Durch das vermehrte digitale Arbeiten treten sie nun sogar stärker zutage als zuvor. Für den flächendeckenden Einsatz von Homeoffice bedarf es Vertrauen, Offenheit und Flexibilität. Und es funktioniert.” Diese Erkenntnisse könnten die Unternehmen verstetigen. Das Instrument des mobilen Arbeitens eigne sich beispielsweise auch bei den jährlichen Grippewellen, um einen hohen Krankenstand und damit einhergehende Kosten zu senken.

“Die Krise zwingt Firmen auch zum Umdenken hinsichtlich ihres Angebotes”, so der Wirtschaftsethiker. “Die Menschen verzichten derzeit auf Luxusartikel und kaufen Produkte des täglichen Bedarfs, wie zum Beispiel Schutzmasken.” Die Modeindustrie habe schnell darauf reagiert: Designer entwerfen nun Masken als modisches Accessoire. Dies sei ein wichtiges Signal in die Branche: Die Textilindustrie müsse sich mehr nach den Bedürfnissen der Kundinnen und Kunden richten und nicht umgekehrt. Niemand brauche zwölf Kollektionen in einem Jahr. Denn dieser schnelle Wechsel entwerte auch die Arbeit der Designer.

Auch der einseitige Fokus der Wirtschaft auf stetiges Wachstum müsse laut Müller hinterfragt werden: “Wirtschaftliches Wachstum funktioniert bislang zu stark auf Kosten der Umwelt.” Ökonomen und Ethiker haben bereits vor Corona alternative Denkanstöße wie die Gleichgewichts- oder Postwachstumsökonomie entwickelt, die diesen fatalen Zusammenhang entkoppeln möchte. Ein anschauliches Beispiel sei das 2018 von der britischen Wirtschaftswissenschaftlerin Kate Raworth präsentierte Modell der “Donut-Ökonomie”. Sie vergleicht die Welt dabei mit einem Donut: Der innere Kreis ist das gesellschaftliche Fundament, während der äußere Ring die ökologischen Beschränkungen beschreibt, die die Menschheit akzeptieren muss. Wenn Ökonomie, Ökologie und Politik sich im Teigring des Donuts treffen, werde der Planet Erde nicht zerstört und der Mensch könne friedlich, sicher und nachhaltig darauf leben.

Führen in Corona-Zeiten und danach gehorcht anderen Gesetzen
Die Corona-Pandemie zwingt Unternehmen teils radikale Veränderungen vorzunehmen. Dazu gehört auch, dass vielfach virtuell und auf Distanz gearbeitet und zusammengearbeitet wird. Für Führungskräfte bedeutet dies: Führung wird im Ergebnis schwieriger, zeitaufwendiger und nicht zuletzt fehleranfälliger.

Eine Antwort hierauf kann kein “weiter so wie bisher” sein. Vielmehr sind Führungskräfte jetzt gefordert, ihre bisherige Führungsphilosophie und -methodik auf den Prüfstand zu stellen und auf die neuen Rahmenbedingungen hin anzupassen. Der Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) und seine Experten aus dem BDU-Fachverband Change Management geben in einem mehrseitigen Positionspapier praxisnahe Empfehlungen, was sich bei krisenhaften Rahmenbedingungen aus Ihrer Sicht bewährt hat. Entscheidend aus Sicht der Unternehmensberater: Manager mit Personalverantwortung sollten Präsenz zeigen und mit gutem Beispiel vorangehen.

Hans-Werner Bormann, Vorsitzender des BDU-Fachverbandes Change Management: “Wir erleben zurzeit einen drastischen Wandel durch die Virus-Pandemie wie wir ihn seit Generation nicht mehr erlebt haben. Das verunsichert verständlicherweise die Mitarbeitenden in den Unternehmen in hohem Maße. Für Führungskräfte ist es jetzt besonders wichtig, trotz physischer Distanz Orientierung und Halt zu geben.” Hilfreich seien zum Beispiel neue Online-Rituale, wie der tägliche Webcall zum Arbeitsstart oder tägliche virtuelle Stand-up-Meetings zum festgelegten Zeitpunkt mit dem ganzen Team. So werde Raum geschaffen, auch über die aktuellen Stimmungen, Empfindungen oder Ängste zu sprechen.

Beim Führen im Wandel komme es ganz grundsätzlich darauf an, so die BDU-Experten, alle Akteure in den Veränderungsprozessen in ihren Positionen und Empfindungen zu verstehen und auch ernst zu nehmen. Nur dann könne man sie gezielt bei der Bewältigung der notwendigen Anpassungen wirkungsvoll unterstützen. Dies gelte auch umgekehrt. Führungskräfte sollten dabei die folgenden Leitgedanken berücksichtigen:

  • Authentizität schlägt Methode!
    Authentizität erfordert eigene Stabilität im Tun. Es ist ein Zeichen von Stärke, sich selbst und anderen in unwägbaren Zeiten zuzugestehen, dass es Kraft und Energie kostet, die anstehenden Veränderungen zu bewältigen.
  • Mach’s nicht allein!
    Jetzt ist es an der Zeit, sich mit anderen zusammenzutun, um die Krise gemeinsam zu bewältigen. Gemeinsam bedeutet: Im Managementteam der eigenen Organisation, mit den Mitarbeitenden im Verantwortungsbereich oder auch im Schulterschluss mit externen Experten.
  • Situatives Führen heißt Adaption!
    Auf sich ständig ändernde Situationen muss immer wieder angemessen neu eingegangen werden. Als Voraussetzung ist es unter anderem wichtig, genügend Zeit für den Dialog im Team vorzusehen.

Das vollständige Positionspapier “Führen im Angesicht radikalen Wandels – Anforderungen an Führungskräfte in Zeiten von Corona … und danach” kann heruntergeladen werden unter: https://www.bdu.de/der-bdu/unsere-fachverbaende/change-management/

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